Am Rande der Kadetten-, Junioren- und U21-Weltmeisterschaften in Bielsko-Biała stellten sich drei Menschen in passenden schwarzen Anzügen für ein Foto auf. Anzhelika Terliuga, Silbermedaillengewinnerin in der Klasse −55 kg bei den Olympischen Spielen Tokio 2020, hielt ein Paar rote und blaue Handschuhe. Stanislav Horuna hielt eine gläserne Trophäe. Zwischen ihnen stand Antonio Espinós, Präsident der World Karate Federation, dem die beiden Ukrainer zum Geburtstag gratulierten. „Anzhelika brachte die Handschuhe mit, ich die Trophäe, und irgendwie ist die Torte unterwegs verloren gegangen“, schrieb Horuna auf Instagram (aus dem Englischen übersetzt), in einem gemeinsamen Beitrag mit dem Ukrainischen Karateverband.
Der Scherz gab den Ton vor, doch der Beitrag enthielt zwei ernstere Botschaften. Die erste war Dankbarkeit. Horuna dankte Espinós dafür, dass er „dem ukrainischen Karate immer zur Seite gestanden“ habe, und schrieb, diese Unterstützung habe den Athletinnen und Athleten des Landes mehr bedeutet, als der Präsident wohl ahne, „gerade in diesen Jahren“. Trotz allem, was die Ukraine durchmache, fügte er hinzu, würden Verband, Trainer und Aktive von Saison zu Saison stärker werden. Die zweite Botschaft war ein Abschied, vorgetragen mit der Leichtigkeit, die seine Fans an ihm kennen: „Meine Wettkampfkarriere ist vorbei (ja, der Karategi wurde offiziell durch einen Anzug ersetzt).“
Ein letztes Gold in Salzburg
Die in Polen geschriebenen Worte schlossen eine Geschichte, deren letztes Kapitel sich zwei Wochen zuvor in Österreich abgespielt hatte. Bei der Karate One Series A in Salzburg vom 2. bis 4. Oktober kehrte Horuna mit 37 Jahren auf die internationale Bühne zurück, nach zwei Jahren ohne offiziellen Wettkampf und in einer Gewichtsklasse, die nie die seine gewesen war. Seine ganze Karriere hatte er in der Klasse −75 kg bestritten; in Salzburg trat er in der Klasse −84 kg an, gegen schwerere Gegner, die während seiner Abwesenheit auf der Tour geblieben waren.
Er gewann weiter. Runde um Runde arbeitete er sich durch das Tableau und besiegte im Halbfinale den Senegalesen Makhtar Diop mit 5:0. Das letzte Finale der Series-A-Saison war ein rein ukrainisches Duell gegen Valerii Sonnykh, der mit ihm im Kiewer Club Champion trainiert. Der Kampf endete 0:0, und Horuna erhielt das Gold per Hantei, der Kampfrichterentscheidung. Da Andrii Toroshanko eine der Bronzemedaillen gewann, gingen drei der vier Podestplätze in der Klasse −84 kg an die Ukraine. Auf dem Weg zum Podest, so berichtete der ukrainische Verband, legte Horuna seine Handschuhe auf dem Tatami ab, eine Geste, die in der Halle niemandem erklärt werden musste.
Noch am selben Abend gab er sein Karriereende in den sozialen Netzwerken bekannt. Einige Tage später sagte er dem Lemberger Nachrichtenportal ZAXID.NET, seine Laufbahn sei eigentlich schon 2023 zu Ende gegangen, mit dem EM-Gold der ukrainischen Kumite-Mannschaft der Männer in Guadalajara; seither sei er nur noch einmal angetreten, beim Team-Weltcup 2024. Salzburg war der Schluss, den er sich selbst schenken wollte: „Ich habe von einem offiziellen Schlusspunkt meiner Karatekarriere geträumt. Daraus ist ein leuchtendes Ausrufezeichen geworden“ (aus dem Ukrainischen übersetzt).
Von Lwiw in den Nippon Budokan
Der in Lwiw geborene Horuna hat eine Bilanz aufgebaut, die sich wie die Landkarte eines Kumite-Jahrzehnts liest. Er gewann Bronze bei der Weltmeisterschaft 2014 in Bremen und den Titel bei den World Games 2017 in Wrocław, nach einem Finale gegen den Iraner Aliasghar Asiabari. Bei den Europaspielen 2019 in Minsk besiegte er im Finale den Aserbaidschaner Rafael Aghayev mit 4:0 und beendete den Kampf mit einem Fußtritt zum Ippon. „Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet“, sagte er damals. 2021 wurde er in Kroatien Europameister in der Klasse −75 kg; im Jahr darauf zählte die WKF fünf EM-Medaillen in seiner Laufbahn.
Zwischen diesen Titeln lagen die Olympischen Spiele. Als Karate in Tokio 2020 sein olympisches Debüt gab, ausgetragen im Sommer 2021 im Nippon Budokan, erreichte Horuna das Halbfinale der Klasse −75 kg und unterlag dort dem Italiener Luigi Busà, dem späteren Olympiasieger. Die Bronzemedaille gehörte ihm; bei denselben Spielen holte Terliuga Silber in der Klasse −55 kg. Ein Jahr später kam eine Silbermedaille bei den World Games in Birmingham hinzu.
Die Karate 1-Premier League war sein zweites Zuhause. 2019 zählte die WKF bereits sechs Goldmedaillen von ihm auf dieser Tour, und eine Saison hatte er als Grand Winner abgeschlossen. Ein WKF-Porträt aus jenen Jahren zeigte noch eine andere Seite: Tagsüber arbeitete er als Anwalt in einer Kanzlei seiner Heimatstadt, abends ging er in die Halle. „Meine Arbeit ist ganz anders als Karate“, sagte er. „Sie hilft mir, den Kopf freizubekommen.“
Eine Stimme für die Athleten
Nur wenige Kumite-Kämpfer seiner Generation haben ein solches Publikum hinter sich versammelt. 2019 wurde er bei der Wahl zum Athleten des Jahres der World Games mit rund 92.000 Stimmen Zweiter, was die WKF als bestes Ergebnis bezeichnete, das ein Karateka bei dieser Abstimmung je erzielt hatte. Espinós sagte damals, Horuna „verkörpert – wie viele andere Karatekas – die herausragenden Werte unseres Sports“, und nannte „Ehre, harte Arbeit, Respekt, Freundlichkeit“.
Dieses Ansehen unter seinesgleichen nahm im November 2021 institutionelle Gestalt an. Während der Weltmeisterschaft in Dubai wählten ihn die Athletinnen und Athleten in die Athletenkommission der WKF, gemeinsam mit der Griechin Vicky Panetsidou, aus einem Feld von sieben Kandidaten, zu dem auch Ryo Kiyuna und Sajad Ganjzadeh gehörten.
Die nächste Runde
Ein neues Amt hat Horuna nicht angekündigt. Im Interview mit Sport RBC.UA erklärte er, er wolle nicht Cheftrainer der ukrainischen Nationalmannschaft werden, eine Aufgabe, die ihn nach eigenen Worten vollständig in Anspruch nehmen würde. Stattdessen will er mehrere Wege parallel verfolgen: seine Arbeit im Ukrainischen Karateverband, Online-Training und Lehrgänge sowie Projekte außerhalb des Sports. ZAXID.NET erinnert zudem daran, dass er mit einem Club aus Lwiw bereits zweimal ein Turnier unter eigenem Namen ausgerichtet hat, den Horuna Cup.
Der Instagram-Beitrag zeigt den Horizont, den er sich gewählt hat. Karate fehlt seit Tokio im olympischen Programm, und das WKF-Exekutivkomitee, das am 13. Oktober in Bielsko-Biała tagte, befasste sich mit den Fortschritten des Karate auf dem Weg zu den Spielen Brisbane 2032. Horuna will an dieser Arbeit mitwirken. „Bereit, die Ärmel hochzukrempeln und mit der WKF auf den Traum von Millionen Karatekas weltweit hinzuarbeiten: Karate zurück zu den Olympischen Spielen zu bringen“, schrieb er, bevor er mit dem Satz schloss, der den Beitrag beendet: „Lasst es uns verwirklichen. Gemeinsam.“
Für einen Athleten, der das Tatami mit abgelegten Handschuhen und einer Goldmedaille um den Hals verlassen hat, ist der Anzug keine Verkleidung, sondern ein neuer Karategi.
Quellen
- Stanislav Horuna, Instagram-Beitrag mit dem Ukrainischen Karateverband, Bielsko-Biała (auf Englisch): https://www.instagram.com/p/DehK2bFl-iG/
- WKF, vier Sieger zum Abschluss der Series-A-Saison in Salzburg (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/3321/four-champions-crowned-as-karate-one-series-a-season-ends-in-salzburg
- Ukrainischer Karateverband, Series A Salzburg 2026 (auf Ukrainisch): https://karate.ua/news/seriia-a-zaltsburg-2026-proshchalnii-triumf-stasa-goruni
- Xsport.ua, Horuna verkündet sein Karriereende (auf Ukrainisch): https://xsport.ua/ua/karate_s/news/horuna-zavershyv-karyeru-kozhna-khorosha-istoriya-maye-sviy-kinets/
- ZAXID.NET, Interview mit Stanislav Horuna (auf Ukrainisch): https://zaxid.net/lvivskiy_olimpiyets_stanislav_goruna_zavershiv_karyeru_ta_zaynyavsya_virobnitstvom_droniv_n1647328
- Sport RBC.UA, Interview mit Stanislav Horuna (auf Russisch): https://sport.rbc.ua/ukr/othersport/tsya-robota-zabrala-mene-povnistyu-goruna-1791899802.html
- WKF, offizielle Ergebnisse der EKF-Senioren-EM 2023 (auf Englisch): https://www.wkf.net/files/pdf/championships/continental-championshipsresultados-2023-ekf-senior-championships-001.pdf
- WKF, Stanislav Horuna, Athlet des Monats März 2022 der World Games (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/1884/stanislav-horuna-is-the-world-games-athlete-of-march-2022
- WKF, Karate bei den Europaspielen 2019 in Minsk (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/1003/new-champions-amaze-as-thrilling-karate-competition-concludes-at-minsk-2019
- Olympics.com, Tokio 2020, Halbfinale Kumite Männer −75 kg (auf Englisch): https://stacy.olympics.com/tokyo-2020/olympic-games/en/results/karate/result-men-s-kumite-75kg-sfnl-000200-.htm
- Olympedia, Tokio 2020, Kumite Männer −75 kg (auf Englisch): http://www.olympedia.org/results/18000159
- Olympedia, Anzhelika Terliuha (auf Englisch): https://www.olympedia.org/athletes/147026
- WKF, Ergebnisse der World Games 2022 (auf Englisch): https://www.wkf.net/files/pdf/championships/multisport-eventsresultados-the-world-games-2022-001.pdf
- WKF, Porträt von Stanislav Horuna (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/717/meet-stanislav-horuna-karate-celebrity-with-thousands-of-fans-around-the-world
- WKF, Horuna Zweiter bei der Wahl zum Athleten des Jahres 2019 der World Games (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/1203/stanislav-horuna-second-best-igwa-athlete-of-the-year
- WKF, Kandidaten für die Athletenkommission (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/1728/list-of-candidates-to-wkf-athletes-commission-confirmed
- Inside The Games, Horuna und Panetsidou in die WKF-Athletenkommission gewählt (auf Englisch): https://www.insidethegames.biz/articles/karate-athletes-commission-election-vote
- WKF, Sitzung des Exekutivkomitees in Bielsko-Biała (auf Englisch): https://www.wkf.net/news-center/article/!/3329/wkf-executive-committee-reviews-progress-of-karate-ahead-of-world-cadet-junior-u21-championships
Foto: wkf.net